ABOUT WORK-DEUTCH2017-12-16T22:51:43+00:00

Prof. Dr. Hofer, Sigrid

Art historian
Professor of art history at Philipps-University Marburg in Germany

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Young La Park. Die Linie als Metapher

Young La Parks Arbeiten üben eine suggestive Kraft aus. Auf ihren Leinwänden und Papieren ist vordergründig nicht viel zu sehen, und dennoch bergen sie einen ganzen Kosmos. Einige wenige Linien suchen ihre Bahn, vereinzelte Bündelungen von zarten, vibrierenden Strichen treten aus der Bildtiefe hervor. Der Untergrund verbleibt weiß, selten werden kleinere Flächen in Pastelltönen definiert. Reduktion und Zurückhaltung charakterisieren das abstrakte Repertoire. Doch folgt jede Linie einer ihr eigenen Ausdruckskraft. Diese kann von dynamischer Vitalität sein, präsent und unverrückbar auftreten aber ebenso ein eher stockendes Vorwärtsziehens vermitteln. Mitunter endet sie unvermittelt, dünnt sich aus oder verliert sich in zartem Auftrag. Manchmal durchkreuzt sie als Kontrapunkt ein sensibles Gespinst oder verdichtet sich zu dunkleren Geweben aus kleinsten, unruhigen Strichelungen.
Bleistift, Kohle, und Kugelschreiber kommen zum Einsatz und übersetzen die inneren Bewegungen in graphische Notate. Immer sind Bildgrund und Bildmotiv in eine ebenso perfekt ausgewogene wie spannungsreiche Komposition gebracht. Die vorherrschende Leere des Bildraums ist Voraussetzung, nur so können die sparsam einfügten Gesten ihre intensive Wirkung entfalten.
Immer wieder stellen sich Assoziationen an Vegetabiles ein. Äste und Blattwerk scheinen sich abzuzeichnen, vermeintliches Dickicht versperrt die Sicht, Lianen hängen von oben herab. Auch Wolken, Wasser, Nebel und Lichtreflexe scheinen abgebildet. Doch versucht das Auge, ein Motiv konkret zu erfassen, so entzieht sich dieses; der mutmaßliche Gegenstand löst sich auf, weicht in einen nicht vorhandenen Bildraum zurück. Die motivische Deutung mag einem elementaren Bedürfnis nach Orientierung und Zuordnung auf Seiten der Rezipienten entspringen. Von der Künstlerin ist eine solche Konkretisierung des Bildgeschehens nicht intendiert. Für sie geht es um größere Zusammenhänge, die nicht bei der Widergabe vordergründiger Phänomene stehen bleiben.
Young La Park spricht davon, dass sich ihr die Linie während des Arbeitsprozesses mitteile. Dabei warte sie selbst in einer gelassenen Haltung auf entsprechende Impulse, die sie – immer ausgerichtet auf ihre innere Stimme – niederschreibe. Sie versteht sich damit als ausführendes Organ eines Informationsflusses, auf dessen Ursprünge sie keinen direkten Einfluss nehmen kann.
Mit dieser Diktion steht Young La Park in einer langen Tradition, die in den informellen Bildschöpfungen nach dem Zweiten Weltkrieg vielfältige wichtige Vorläufer kennt. Und doch unterscheiden sich die Werke Young La Parks grundlegend von diesen Arbeiten. Gerade den europäischen Malern nach dem Zweiten Weltkrieg war die Umsetzung eines inneren Prozesses bedeutsam. Viele von ihnen stellten das persönliche Erleben über die gesellschaftspolitische Verantwortung. Die Erlebnisse in der Nazizeit und während des Zweiten Weltkriegs hatte sie bewogen, sich von der Realität abzuwenden und in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich einen tieferen Sinn zu erfahren. Vor diesem Hintergrund können etwa auch die linearen Verästelungen eines Bernard Schultze als psychische Introspektion verstanden werden, die in diesem Selbstausdruck ihr Ziel finden.
Daneben mag auch Cy Twomblys Kompositionsprinzip – ein planer Grund, der mit abgekürzten, skripturalen Zeichen versehen ist – für Young La Park formbildend gewirkt haben. Doch während sich Twomblys kryptische Darstellungen mit konkreten historischen Inhalten verbanden, sind bei Young La Parks Ausgangspunkt und Anliegen vollkommen anders begründet. Sie weist der Linie eine universelle Bedeutung zu. Die Linie ist für sie gleichsam der potentielle Ausdruck aller sichtbaren Phänomene. Der Linie ist es zueigen, die Welt in ihren Elementen und Existenzformen zu beschreiben, gleich ob es sich um Berge, Gewächse, Lebewesen oder um von Menschen gestaltete Erzeugnisse handelt. Nach ihrer Überzeugung drückt sich jedes Ding in einer spezifischen Weise aus. “Specific objects” nennt Young La Park daher ihre Bildwelten. Dieses Spezifische möchte sie mit Hilfe der Linie ergründen. Ist der künstlerische Prozess abgeschlossen und die perfekte Linie gefunden, so reflektiert sich in dieser das Wesen des Dargestellten. Es geht also nicht um das Ding an sich, sondern um dessen Gehalt, ein Vorhaben, das folgerichtig in die Abstraktion führen musste. Die Linie ist zur Metapher geworden und kann nun unterschiedliche existentielle Erfahrungen zum Ausdruck bringen: das Aufstrebende, das Gebeugte, das Aufrechte, das Ruhende, das Zögerliche, das Impulsive, das Dynamische und dergleichen mehr. Gleichzeitig können diese Linien als energetische Spuren gelesen werden. Denn alles, was existiert, sendet Schwingungen aus, das gilt für materielle Objekte ebenso wie für Lebewesen jedweder Art oder für Informationen, die auf der Basis von Wellen übertragen werden. Selbst Handlungen und Taten hinterlassen im neurophysiologischen Bereich Spuren, unser Leben schreibt sich in unsere Biographien ebenso ein wie bei den Menschen, mit denen wir in Kontakt stehen. Der energetische Austausch ist dabei von unterschiedlicher Qualität, so divergierend, wie er in grafischen Bewegungsmotiven von Young La Park festgehalten wird.
Young La Parks Vorgehen lässt an Wassily Kandinsky denken, der eine Farb- und Formmetaphorik entwickelte und sich der Welt über synästhetische Effekte näherte. Bekanntermaßen sah er Analogien zwischen Musik und Bildender Kunst und suchte nach Mitteln, das “Geistige in der Kunst” (1911) zur Darstellung zu bringen. Kandinsky schrieb den Farben spezifische Eigenschaften zu, die, verbunden mit ausgewählten Formen, mentale Befindlichkeiten zu erfassen vermochten. Unabhängig vom Gegenständlichen oder Narrativen gelang es ihm auf diese Weise, grundlegende existentielle Aussagen zu treffen. Ganz ähnliche Absichten verfolgt Young La Park, doch bedient sie sich eines anderen künstlerischen Repertoires, welches der grafischen Komposition den Vorrang einräumt.
Beide Künstler verbindet zudem der Sachverhalt, dass sie sich an eine Realität wenden, die jenseits des äußerlich Wahrnehmbaren liegt. Bei Young La Park spiegelt die Leere der Bildoberfläche auch die taoistische Lehre wider. Nach dieser kann sich erst in der Versenkung und in der Absichtslosigkeit die Welt hinter den Erscheinungen offenbaren. Die äußere Leere der Leinwand korrespondiert so mit einer inneren Leere, die Abstand schafft zum geschäftigen Treiben alles Weltlichen. Nur wer sich auf diese Reise macht, wird mit einer Fülle belohnt, die nicht im Materiellen zu finden ist, sondern den Reichtum in der Gewissheit unerschöpflicher Potentiale erkennt. In ihren Leinwandbildern tauchen in letzter Zeit vereinzelt pastellfarbige Partien auf. Diese bedeuten mehr als nur eine Modifizierung der Bildmittel, denn die weiße Hintergrundfläche erweitert sich so in einen unbestimmten Tiefenraum. Unsere Weltvorstellung hilft uns bei der Enträtselung dieser Vorgaben nicht weiter, denn der euklidische Raum ist offenkundig aufgegeben. Statt diesem aber gibt sich eine Tiefendimension hinter dem Linienspiel zu erkennen, die für das Verständnis der Arbeiten Young La Parks entscheidend ist; sie verdeutlicht, dass uns hier ein Blick in eine Welt erweiterter Wahrnehmungsmöglichkeiten eröffnet wird, die nach dem Wesen der Erscheinungen sucht.